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Arbeitskonzept des ai-Aktionsnetzes der Heilberufe

 
Das ai-Aktionsnetz der Heilberufe sieht sich als Teil der deutschen Sektion und des weltweiten Aktionsnetzes der Heilberufe von amnesty international dem Mandat der Organisation verpflichtet und versucht, zur Entwicklung und Verwirklichung der darin definierten Aufgaben beizutragen. Als Spezialgruppe ist es ihr besonderes Ziel, die fachliche Identität und Kompetenz von Angehörigen der Heilberufe bezüglich der gesundheitlichen und psychosozialen Folgen von Folter und anderen Formen organisierter staatlicher Gewalt in die Arbeit von amnesty international einzubringen.


Heilberufler als Opfer, Täter, Helfende und Experten

1. Heilberufler als Opfer von Menschenrechtsverletzungen

Heilberufler gehören zu einer besonders gefährdeten Berufsgruppe, die – weil sie oft in unmittelbare Berührung mit Menschenrechtsverletzungen und deren gesundheitlichen Auswirkungen kommen – leicht selbst zu Opfern werden. Wegen ihrer beruflichen Betätigung geraten sie in Gefahr, von Verfolgerstaaten und nicht-staatlichen politischen Gruppierungen vereinnahmt zu werden. Wenn sie im Rahmen der Ausübung ihres Berufes Menschenrechtsverletzungen dokumentieren und die Opfer behandeln oder aber sich weigern, bei Menschenrechtsverletzungen mitzuwirken bzw. falsche Dokumentationen zu verfassen, sehen sie sich oft Verfolgung und Misshandlungen ausgesetzt.


2. Heilberufler als Täter oder Mitwirkende bei Menschenrechtsverletzungen

Leider beugen sich immer wieder Heilberufler, gelegentlich gegen ihre Überzeugung, den Drohungen repressiver Staaten und Gruppierungen und werden so zu Tätern oder Mitwirkenden bei Menschenrechtsverletzungen. Sie beteiligen sich beispielweise an Hinrichtungen und Folterungen, an Zwangsamputationen, Organentnahmen bei Hinrichtungsopfern zu Transplantationszwecken, an Genitalverstümmelungen und anderen schweren Misshandlungen. Heilberufler sind unter missbräuchlicher Verwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse oft auch maßgeblich an der Entwicklung und Verbreitung psychologisch verfeinerter Folter- und Repressionsmethoden beteiligt.


3. Heilberufler als Helfende nach Menschenrechtsverletzungen

Häufig kommen Heilberufler als erste unmittelbar mit den körperlichen, psychischen und sozialen Folgen von Menschenrechtsverletzungen, Flucht und Exil in Berührung. Ihnen kommt daher eine besondere Verantwortung bei der Diagnostik und Begutachtung der gesundheitlichen Auswirkungen zu. Darüber hinaus erfordern die gravierenden und nachhaltigen Folgen der seelischen und körperlichen Traumatisierung eine besonders qualifizierte Beratung, Behandlung und Rehabilitation.


4. Heilberufler als Experten bei Menschenrechtsverletzungen

Heilberufler setzen das in ihrer Ausbildung und Berufspraxis erworbene Wissen und ihre Erfahrung ein, um Ursachen, Ablauf und Folgen von Menschenrechtsverletzungen aufzudecken, einen Beitrag zu deren wissenschaftlicher Erforschung zu leisten und zukünftigen Menschenrechtsverletzungen vorzubeugen. Dazu gehört beispielsweise das Feststellen von Folterspuren und/oder Todesursachen, das Erstellen von gerichtstauglichen ärztlichen oder psychologischen Untersuchungsdokumenten und die Begutachtung von Folgeschäden.

Das ai-Aktionsnetz der Heilberufe begrüßt Projekte, in denen medizinische, psychologische und soziale Bedingungen von Menschenrechtsverletzungen sowie die Verstrickung der Heilberufe in politische Gewaltsysteme recherchiert und dokumentiert werden.



Das ai-Aktionsnetz der Heilberufe engagiert sich in vielfältiger Weise

1. Teilnahme an Brief- und E-Mail-Aktionen

Ein besonderer Schwerpunkt ist die Verbreitung von Brief- und E-Mail-Aktionen zu Gunsten der Opfer von Menschenrechtsverletzungen aus den Heilberufen oder in Fällen mit medizinischem oder psychologischem Bezug. Im Rahmen solcher Aktionen setzen sich die Mitglieder des ai-Aktionsnetzes zum Beispiel für folgende Anliegen ein:

  • sofortige Freilassung von Heilberuflern, die amnesty international als gewaltlose politische Gefangene betreut;
  • faire und zügige Gerichtsverfahren für Heilberufler, die als politische Gefangene inhaftiert sind;
  • Verhinderung und Aufklärung von Fällen von "Verschwindenlassen" bei Heilberuflern;
  • sofortige Beendigung von Folter und unmenschlicher Behandlung bei Inhaftierung;
  • adäquate medizinische Versorgung von kranken Häftlingen;
  • Verbesserung der Haftbedingungen im Einklang mit internationalen Grundsätzen;
  • Abschaffung der Todesstrafe und sofortige Beendigung der Teilnahme von medizinisch, psychologisch und pflegerisch geschultem Personal an Exekutionen und anderen Menschenrechtsverletzungen.


2. Menschenrechtserziehung

Zum Kern des Selbstverständnisses des ai-Aktionsnetzes der Heilberufe gehört die Aufklärung der Öffentlichkeit und der im Gesundheitswesen tätigen Berufsgruppen über mögliche Folgen von Menschenrechtsverletzungen, unter anderem über das existenzielle Leiden, die Symptomatik, die posttraumatische Gefährdung und die Behandlungsbedürftigkeit von Flüchtlingen, die Krieg,Misshandlung, Vergewaltigung oder Folter erlitten haben.

Das ai-Aktionsnetz setzt sich dafür ein, dass in der Aus- und Fortbildung von Heilberuflern menschenrechtliche und berufsethische Aspekte thematisiert werden. Es ist notwendig, Heilberufler für die Menschenrechtsthematik zu sensibilisieren und ihr Interesse für aktive Menschenrechtsarbeit zu wecken, damit sie das Wissen um die Folgen von Menschenrechtsverletzungen in ihre tägliche Arbeit einbeziehen können.


3. Kontakte mit Standesorganisationen und Berufsverbänden

Der Umsetzung dieser Ziele dient auch die Zusammenarbeit und der Informationsaustausch mit den Menschenrechtsbeauftragten der Landesärztekammern, der Bundesärztekammer, des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen und anderer im Heilwesen vertretenen Berufsverbände, einschließlich der Pflegeorganisationen. Es muss deutlich werden, dass Menschenrechtsarbeit zum immanenten Tätigkeitsbereich aller im ai-Aktionsnetz vertretenen Berufsgruppen gehört.

Auf die Bedeutung der Verankerung menschenrechtlicher Prinzipien in den berufsethischen Grundsätzen, die jede Berufsgruppe im Heilwesen sich gegeben hat, wird besonders verwiesen. Das ai-Aktionsnetz bietet seine Mitwirkung am Erstellen von Standes- und Berufsregeln an.


4. Austausch mit anderen ai-Gruppen

Angestrebt wird ein reger Austausch mit ai-Heilberuflergruppen anderer Länder und dem Internationalen Sekretariat von amnesty international in London sowie mit anderen ai-Spezialgruppen, die zu den Themen Menschenrechtserziehung, Folter, Todesstrafe und Asyl arbeiten. Diesen Zielen dient die Teilnahme an internationalen Kampagnen und Aktionen der Organisation.



5. Kontakte zu psychosozialen und Behandlungszentren für Folteropfer

Als Beitrag zur Umsetzung internationaler Übereinkommen, wie der UN-Konvention gegen Folter, in der sich alle Vertragsstaaten dazu verpflichten, Folterüberlebenden eine angemessene Betreuung, Behandlung und Rehabilitation zu gewähren, besteht seit Jahren ein regelmäßiger Austausch mit Behandlungseinrichtungen für traumatisierte Flüchtlinge und Folterüberlebende sowie anderen themenspezifischen Nichtregierungsorganisationen.

Das ai-Aktionsnetz der Heilberufe fördert die Vernetzung von derartigen Zentren und Organisationen, um eine tragfähige Basis für Informationsaustausch und Vermittlung von Hilfe für Betroffene aufzubauen. Diesen Zielen dienen auch gemeinsam organisierte Veranstaltungen, bei denen die Unabhängigkeit der jeweiligen Organisation gewahrt und erkennbar bleiben sollte. Maßnahmen, die der Erforschung, Prävention, Diagnostik, Beratung, Behandlung, Begutachtung, Selbsthilfe und Rehabilitation von politisch Verfolgten und traumatisierten Flüchtlingen dienen, werden ausdrücklich begrüßt.


6. Schutz für bedrohte Heilberufler

Das ai-Aktionsnetz betont die zentrale Bedeutung des Schutzes von Heilberuflern, die sich für politisch Verfolgte in repressiven Staaten einsetzen, und engagiert sich insbesondere für die Einführung eines Krisenmechanismus zum Schutz der Mitarbeiter von Behandlungszentren und ähnlicher Institutionen, die von politischer Repression bedroht oder betroffen sind. Das ai-Aktionsnetz fordert die Standesorganisationen und Berufsverbände auf, ihren Einfluss geltend zu machen und sich schützend vor Heilberufler und andere Menschenrechtsverteidiger zu stellen, die Menschenrechtsverletzungen dokumentieren und von staatlicher Gewalt bedroht sind.


7. Einsatz für Flüchtlinge in Deutschland

Die Forderung nach dem Gewähren von Asyl oder einem anderen sicheren Abschiebungsschutz für Menschen, denen im Falle ihrer Abschiebung in ihr Herkunftsland erneut schwere Menschenrechtsverletzungen drohen, hat einen hohen Stellenwert als sekundäre Prävention. In diesem Zusammenhang steht auch der Einsatz des ai-Aktionsnetzes gegen die fortschreitende Aushöhlung von Gesetzen und Bestimmungen in Deutschland, wodurch Leistungen der psychosozialen und medizinischen Versorgung von Asylbewerbern eingeschränkt werden. Dazu wird eine enge Zusammenarbeit mit anderen Gruppen von amnesty international, insbesondere mit der Fachkommission Asyl, gesucht.


8. Mitgliederwerbung

Zur Werbung weiterer Mitglieder und Förderer ist jedes Mitglied aufgerufen. Hierzu eignen sich neben öffentlichen Veranstaltungen besonders die Verteilung von Informationsmaterial, z.B. durch Informationsstände bei Kongressen, in Universitäten, Volkshochschulen, Arztpraxen und Krankenhäusern.


9. Arbeit zum eigenen Land

Berichte über mögliche Menschenrechtsverletzungen im Inland, beispielsweise unzumutbare Haftbedingungen, Fälle von Polizeigewalt, Abschiebung traumatisierter Flüchtlinge unter Missachtung fachärztlicher Gutachten oder ärztliche Beihilfe bei Zwangsabschiebungen, die auf Grund der Regeln von amnesty international zur Arbeit im eigenen Land vom deutschen ai-Aktionsnetz der Heilberufe nicht bearbeitet werden können, werden an das Internationale Sekretariat von amnesty international weitergeleitet.


Finanzen

Das ai-Aktionsnetz der Heilberufe beschafft die nötigen Finanzmittel durch Beiträge und Spenden von Mitgliedern, Förderern und Freunden. Es erstellt jährlich ein Budget über die zu erwartenden Ausgaben und legt hierüber Rechenschaft gegenüber dem Vorstand der deutschen Sektion von amnesty international ab. Die Mitglieder beschließen in regelmäßigen Abständen über die Verteilung der nicht für Zwecke des ai-Aktionsnetzes benötigten Spenden an nationale beziehungsweise internationale Fonds von ai.

(Stand: Juli 2000)

18.08.2007 Impressum Hilfe