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"Colonia Dignidad": das frühere deutsche Folterlager in Chile heute
Eine Podiumsveranstaltung von amnesty international-Aktionsnetz der Heilberufe
Die "Colonia Dignidad", eine totalitäre Sektengemeinschaft, wurde 1961 im Süden Chiles von dem ehemaligen Wehrmachtsangehörigen und Ex-Jugendpfleger Paul Schäfer gegründet. Gegen ihn lag damals in Deutschland bereits ein Haftbefehl wegen Kindesmissbrauch vor, was ihn mit einigen Anhängern zur Flucht nach Chile veranlaßte; Minderjährige wurden dabei aus Deutschland entführt.
Das in Chile erworbene und später festungsartig ausgebaute weiträumige Siedlungsgelände war ein Staat im Staate, der sich wegen diverser mafiöser Verflechtungen im politischen, geheimdienstlichen, wirtschaftlichen und militärischen Bereich jahrzehntelang halten konnte. So diente die Kolonie während der Pinochet-Diktatur dem chilenischen Geheimdienst DINA als Folterzentrum und Folterausbildungslager. Nach dem Militärputsch 1973 wurden auf dem Siedlungs-gelände Oppositionelle ermordet und verbrannt. Die Sekte war von einer deutsch-nationalistischen "Reinheitsideologie" geprägt und wurde von den pädophilen Interessen des Sektenführers bestimmt: Jahrzehntelang verging sich Schäfer an unzähligen deutschen und chilenischen Jungen; Zwangsarbeiter wurden in der Kolonie gefangen gehalten; viele Häftlinge, darunter auch Kinder, wurden mit Prügelstrafen, Isolationshaft, Elektroschocks und Psychopharmaka mißhandelt; "medizinische" Menschenversuche wurden durchgeführt; es laufen zahllose Prozesse wegen Waffen- und Drogenhandel sowie Bildung einer kriminellen Vereini-gung.
Bereits 1977 veröffentlichte amnesty international eine Broschüre mit dem Titel "Colonia Dignidad - ein deutsches Mustergut - ein Folterlager der DINA". Dar-aufhin verklagte die Siedlung die Menschenrechtsorganisation. Doch spätestens seit 1991, nachdem auch die chilenische Regierungskommission "Wahrheit und Versöh-nung" die Vorgänge bestätigt hatte, war die politische Klärung abgeschlossen, dass es sich bei der "Colonia Dignidad" tatsächlich um ein Folterzentrum handelte. Dennoch schaffte es die Klägerseite immer wieder erfolgreich, den Prozess zu verschleppen. Erst 1997 wies das Landgericht Bonn nach 20-jährigem Rechtsstreit die Klage der Kolonie ab - einer der längsten Zivilprozesse in der deutschen Rechtsgeschichte war beendet. Auf den Gerichtskosten blieb amnesty international jedoch sitzen.
Im März 2005 wurde Paul Schäfer schließlich in Argentinien gefaßt und im Mai 2006 zu 20 Jahren Haft verurteilt. Ihm werden unter anderem Kindesmiss-brauch und die Entführung von Gegnern der chilenischen Militärdiktatur zur Last gelegt. Auch mehrere Mitarbeiter des Sektenführers wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.
Wie steht es mit der Aufarbeitung des Komplexes "Colonia Dignidad" heute? Darüber informiert eine Podiumsveranstaltung, die von amnesty international-Aktionsnetz der Heilberufe, durchgeführt wird. Es referieren und diskutieren:
Wolfgang Kneese, Vorsitzender des Vereins "Flügelschlag", der sich gegen sexuellen Mißbrauch an Kindern engagiert, vor allem in Zusammenhang mit der "Colonia Dignidad". Kneese gelang es Mitte der sechziger Jahre als einem der wenigen, aus der Kolonie zu fliehen. In einer abenteuerlichen Flucht gelangte er nach Deutschland. Sein Vortrag konzentriert sich auf den juristischen Aspekt: Wie konnte die Sekte jahrzehntelang der Justiz entgehen bzw. diese für ihre Zwecke instrumentalisieren? Welche Änderungen in der Justiz sind erforderlich, um Sek-tenverfolgte besser schützen zu können?
Pastor Helmut Frenz war Generalsekretär der deutschen Sektion von am-nesty international, als die Sekte 1977 ihren Prozeß gegen ai begann. Heute ist er Vorsitzender der dritten Entschädigungskommission für die Folteropfer der Pino-chet-Diktatur. Frenz wird den Komplex "Colonia Dignidad" aus der Sicht amnesty internationals beleuchten und ihn in den Kontext der aktuellen chilenischen Vergangenheitsaufarbeitung stellen.
Prof. Dr. Niels Biedermann ist Psychiater und wurde von der deutschen Botschaft in Chile angestellt, um die Mitglieder der "Colonia Dignidad" psychosozial und therapeutisch zu betreuen. Er beschreibt die innere Zersplitterung einer bis vor kurzem durch Psychoterror gleichgeschalteten Gemeinschaft sowie die Verwirrungen und psychischen Nöte der dort unter extrem abnormen Verhältnissen aufgewachsenen Menschen. Es wird über Methoden und Folgen der Zerstörung der Individualität sowie über Möglichkeiten der Rehabilitation berichtet.
Die Veranstaltung wird moderiert von Bernd Pickert, Amerika-Redakteur der tageszeitung (taz).
Für den musikalischen Rahmen sorgt Eugenio Cornejo, Liedermacher aus Chile.
Samstag, 21.10.06, 14.30 - ca. 17.30 Uhr,
Fortbildungsakademie der Ärztekammer Hamburg,
Lerchenfeld 14 (Haus Hammoniabad),
22081 Hamburg
Erreichbar mit der U2, Haltestelle Mundsburg
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