Texte für Menschenrechte

Freihart Regner:
»Unbewusste Liebesbeziehung zum Folterer«? Kritik und Alternativen zu einer »Psychodynamik der traumatischen Reaktion«.

Abstract:
Der Beitrag setzt sich kritisch mit einem tiefenpsychotraumatologischen Modell auseinander, welches annimmt, der Kern traumatischer Reaktion nach (politischer) Verfolgung bestehe in einer »unbewußten, hartnäckig verdrängten Liebesbeziehung zum Täter/Folterer« - in dem Sinne, wie jedes Kleinkind existentiell auf die Liebe seiner Eltern angewiesen ist -, was es in der Übertragung aufzudecken und durchzuarbeiten gelte.

Es wird gezeigt, dass dieser Konstruktion neben ihrem Verdienst eine Reihe von therapie-theoretischen Defiziten, Einseitigkeiten und Ideologemen zugrunde liegen - ungenügende Beachtung des politischen Kontextes und der existentiellen Dimension, globalisierendes Regressionsparadigma, selektive klinische Erfahrung, Metapsychologismus, Übertragungs-/Gegenübertragungsfixierung. Dies kann u.U. in riskanter therapeutischer Praxis resultieren.

Es wird auf überzeugender erscheinende, u.a. psychoanalytisch orientierte Alternativen hingewiesen: (1) das im Zusammenhang mit politischer Repression von chilenischen Therapeuten entwickelte Konzept des »vinculo comprometido« (eingegangene Bindung, d.h. menschenrechtliches Partei-Ergreifen für den Verfolgten), (2) eine wenig deutende, grundsätzlich empathisch und narrativ orientierte Haltung, (3) die Integrative Therapie mit ihren »vier Wegen der Heilung und Förderung«, wobei nicht zuletzt der 'vierte Weg' der Etablierung solidarischer Netzwerkerfahrungen für politisch Verfolgte wesentliche Bedeutung besitzt.